WS 2018/19

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Universitäre Vorträge des Jakob-Fugger-Zentrums: Kosmopolitismus, Krisen, Fremdheit und neue Weltordnungen

Die Universitären Vorträge des Jakob-Fugger-Zentrums beleuchten neue transnationale Forschungen und Ansätze aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit spannenden Gästen bieten sie ein Forum für Diskussionen und anregenden Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg.

Im Wintersemester 2018/19 beschäftigen sich die Universitären Vorträge mit der dunklen Seite der Aufklärung und dem Verhältnis Kosmopolitismus und Bürgerkrieg. Sie betrachten die Rentenkrise und die Wahrnehmung einer „demographischen Zeitbombe“ in transnational vergleichender Perspektive. Außerdem beleuchten sie Fremdheit aus philosophischer Sicht und analysieren die Meta-Geographie, die dem chinesischen Projekt einer Neuen Seidenstraße zugrunde liegt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Vorträge und Termine im Wintersemester 2018/19

15.11.2018, 18.30 Uhr, D 2107, Universität Augsburg
The Dark Side of the Enlightenment: Cosmopolitanism and Civil War
Prof. David R. Armitage, Litt.D., Ph.D.
Blankfein Professor of History (Harvard University)

Contemporary theories of cosmopolitanism associate it with a fundamental commitment to dialogue, tolerance and ever-widening spheres of community and communication. It is opposed to other more conflictual values and ideologies, such as particularism and nationalism, and nourishes teleological histories of ‘civilization’ and pacification. This paper questions such easy assumptions about cosmopolitanism by tracing its relationship with conceptions of civil conflict, focusing particularly on the age of Enlightenment as an era of conspicuous cosmopolitanism and proliferating civil wars. Cosmopolitanism and civil war were linked by the idea of the civitas, the organized human community which secures peace but which, as Roman authors from Cicero to Augustine had reminded later generations, was also the arena of recurrent and destructive conflict among fellow citizens or cives. This Roman tradition implied that to live in a civitas was to be prone to civil war; indeed, only the civilized could suffer civil war. Cosmopolitanism may have been envisaged as a salve, even a solution, for such conflict within civitates but its universalism had paradoxically unintended consequences. By expanding the boundaries of the civitas, cosmopolitanism extended the arena of civil conflict to encompass all humanity: as Marius Pontmercy asks in Victor Hugo’s Les Misérables (1862), ‘Civil war ... What did the words mean? Was there any such thing as “foreign” war? Was not all warfare between men warfare between brothers?’. And by implying that all humans were citizens of a single community, it also made thinkable ideas of ‘global civil war’ elaborated by Carl Schmitt and his followers and revived more recently by analysts of transnational terrorism.

21.11.2018, 18.15 Uhr, D 2128, Universität Augsburg
Rentenkrise und "demographische Zeitbombe“. Debatten und Wahrnehmungsmuster in Deutschland und Großbritannien an der Wende zum 21. Jahrhundert'
Prof. Dr. Cornelius Torp
(Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg/ LMU München)

Fast zur gleichen Zeit erlebten Deutschland und Großbritannien an der Wende zum 21. Jahrhundert die tiefste Krise ihres jeweiligen Rentensystems seit dem Zweiten Weltkrieg. In beiden Fällen reagierte die Politik mit tiefgreifenden Reformen. Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der Bundesrepublik dominierte in der politischen Debatte die Vorstellung, dass die demographische Alterung für die Rentenkrise verantwortlich war. Die Forderung nach mehr Generationengerechtigkeit avancierte zur zentralen Legitimationsformel für die Begründung grundlegender Rentenreformen. Eine vergleichende historische Analyse zeigt jedoch, dass eine eindimensional auf das Argument demographischer Alterung abstellende Erklärung der Alterssicherungskrise um 2000 nicht zu überzeugen vermag. Weit wichtiger als das demographische Bedrohungsszenario war für die krisenhafte Entwicklung der Altersvorsorge eine Kombination anderer, in Großbritannien und Deutschland jeweils unterschiedlicher Faktoren. Für das Vereinigte Königreich sind hier insbesondere der Wertverfall der staatlichen Grundrente und der sie begleitende Bedeutungsgewinn des Bedürftigkeitsprinzips in der Alterssicherung sowie der Niedergang der betrieblichen Altersvorsorge in ihrer herkömmlichen Form zu nennen. In Deutschland dagegen zeichneten vor allem die ansteigende Arbeitslosigkeit, die gezielte Frühverrentung von Millionen ostdeutscher Arbeitnehmer und die zu einem Gutteil der Sozialversicherung aufgelasteten Kosten der deutschen Einheit für die Finanzprobleme der Rentenversicherung verantwortlich. Hinzu kam, dass sich die steigenden Rentenversicherungsbeiträge in der zeitgleich ablaufenden Debatte über den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ als zentrale Ursache für den Verlust der deutschen Wettbewerbsfähigkeit identifiziert fanden. In beiden Ländern griffen die politisch verantwortlichen Akteure gerne das Erklärungsmuster der demographischen Alterung auf, weil es Eingriffe in das Rentensystem als notwendige Konsequenzen eines quasi-natürlichen Prozesses erscheinen ließ und von selbst erzeugten sozialpolitischen Problemlagen ablenkte.


27.11.2018, 18.30 Uhr, D 2107, Universität Augsburg

Fremde im eigenen Haus
Prof. em. Dr. Dr. hc. Bernhard Waldenfels

Professor emeritus der Philosophie (Ruhr-Universität Bochum)

Ist der Mensch nicht Herr im eigenen Hause, so betrifft dies auch die Flüchtlinge, die uns als Gäste in Not heimsuchen. Die Flüchtlingsfrage ist so alt wie das Gastrecht. Auch Ödipus endet als umherirrender Asylant. Doch mit der Globalisierung vervielfältigt sich der Status des Flüchtlings. Für eine Phänomenologie des Fremden stellen sich Ankunft und Aufnahme der Schutzsuchenden als ein Doppelereignis dar, das immer wieder neue Antworten hervorruft. Die Gastlichkeit versteht sich nicht von selbst. Feindschaft läßt sich verstehen als verdrängte Fremdheit; dann aber stößt die Verdrängung nicht bloß auf eigene Wünsche und Ängste, sondern ebenso auf fremde Ansprüche. Levinas und Derrida betonen die Unbedingtheit der Gastfreundschaft. Doch diese verwirklicht sich  nur als Überanspruch, der die vorgegebenen Bedingungen übersteigt, in einer responsiven Politik, die in das Bestehende eingreift. Dabei stellen sich Fragen wie: Wer nimmt auf? Wo findet die Aufnahme statt, wie lange dauert sie? Welche Zwischeninstanzen kommen ins Spiel? Wo setzen Therapien an? Welche Perspektiven öffnen sich? Was wird den Ankommenden abverlangt? Gibt es nicht auch eine Infantilisierung der Opfer? Es bedarf einer Politik des Fremden, die Eigenes und Fremdes in ein neues Licht rückt. „Wir schaffen das‟ – wer sind wir, wer seid ihr?

    

-Vortrag muss leider ausfallen-

11.12.2018, 18.30 Uhr, D 2110, Universität Augsburg
China's Global Connectivity Politics: A new meta-geography for international politics?
Dr. Nadine Godehardt

Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Politik und Sicherheit (Berlin)

Under the leadership of Xi Jinping, China converts into a pro-activist architect of the international order - coupled with a huge dose of self-confidence. This change is all the more noteworthy as the country had for long (passively) benefited from the effects of globalization and the rule-based liberal world order. As President Xi emphasized at the 13th National People's Congress in March 2018, "China will continue to actively participate in the reform and construction of the global governance system, contribute more Chinese wisdom, Chinese proposals, and Chinese strength to the world (...)". Thus, Xi's China aims to take initiatives, set the agenda in bilateral as well as multilateral relations and wants others to respect the Chinese perspective of global politics. The most prominent examples for this development are Xi Jinping's announces of the Silk Road Economic Belt and the 21st Century Maritime Silk Road in September and October 2013, which are today labelled as China's Belt and Road Initiative (BRI). BRI is not an expression of the EU model for regional governance. It operates with differing notions of geographic or functionalist space not bound to a rather fixed understanding of (world) regions; the reference of economic corridors, transit regions (or cities), the creation of economic hubs or technical ecosystems underscores the introduction of a distinct spatial language - and once they are all interconnected - the (potential) practice of new geographic imaginaries. In this lecture, Godehardt engages with a critical geopolitical perspective asking how China's foreign policy under Xi Jinping makes geography; or, in other words, how it spatialize international politics. Hence,  Godehardt is interested in the relation between politics, discourse and space, particularly how the Chinese discourse on BRI organizes the space of international politics and (potentially) produces a new "set of spatial structures", a geographic imaginary or meta-geography, "through which people order their knowledge of the world" (Lewis/Wigen 1997, ix).